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Claudia Sauters Frauen füllen nicht nur die Leinwand – sie behaupten ihren Raum. In intensiven Farben und konzentrierten Nahansichten inszeniert die Schweizer Künstlerin Weiblichkeit als selbstbestimmte Präsenz: kraftvoll und verletzlich, extrovertiert und in sich gekehrt, individuell statt idealisiert. Ihre Porträts interessieren sich deshalb weniger für physiognomische Ähnlichkeit als für jene schwer greifbare Qualität, durch die ein Mensch unverwechselbar wird. „ Ich male keine Gesichter. Ich male Präsenz “, bringt Sauter ihren Ansatz selbst auf den Punkt.
Der Ausgangspunkt ihrer Arbeiten liegt im genauen Beobachten. Begegnungen, Gesten, Stimmungen und flüchtige Momente werden zum Material ihrer Kunst. Besonders interessiert sie das, was nicht unmittelbar ausgesprochen wird: die Spannung zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Präsenz und Rückzug. Sauter greift diese Eindrücke auf und übersetzt sie in eine Bildsprache, in der Ausdruck und Haltung wichtiger werden als reine Ähnlichkeit. Ein Blick, die Neigung des Kopfes oder die Art, wie eine Figur dem Betrachter entgegentritt, kann zum eigentlichen Zentrum eines Werks werden.
Farbe übernimmt dabei eine tragende Rolle. Pink, elektrisches Blau, leuchtendes Gelb, Orange oder Türkis liegen nicht bloß dekorativ über ihren Figuren, sondern bestimmen deren Charakter. „ Farbe ist keine Dekoration – sie ist Identität, die sichtbar wird “, formuliert Sauter selbst. Mal treffen satte Farbflächen klar aufeinander, mal brechen gestische Spuren die präzisen Konturen auf. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen grafischer Klarheit und malerischer Freiheit, zwischen kontrollierter Komposition und emotionaler Direktheit.
Diese Verbindung ist eng mit Sauters eigener Biografie verwoben. Bevor die freie Kunst in den Mittelpunkt rückte, arbeitete sie viele Jahre in Marketing und Kommunikation und setzte sich intensiv mit Werbegestaltung, Interior Design, Branding und visueller Vermittlung auseinander. Ihr Gespür für starke visuelle Botschaften verschwindet in der Malerei nicht – es wird freier. Unter dem Namen Poptonicart verbindet sie Einflüsse aus Alltag, Werbung, Design, Wirtschaft und zeitgenössischer Bildkultur mit einer farbintensiven Pop-Art-Sprache.
Während die historische Pop Art häufig Konsumwelt, Produkte und mediale Oberflächen in den Mittelpunkt rückte, richtet Sauter den geschärften Blick vor allem auf den Menschen – und insbesondere auf die moderne Frau. Ihre Porträts kreisen um Identität, Selbstbestimmung und Sichtbarkeit. Sie zeigen Frauen nicht als Trägerinnen einer einzigen Vorstellung von Weiblichkeit, sondern in unterschiedlichen Rollen, Stimmungen und Ausdrucksformen. Gerade diese Vielschichtigkeit ist für Sauter zentral: Sie interessiert sich für Individualität innerhalb gesellschaftlicher Bilder – und für die Frage, wie sich Persönlichkeit behauptet, ohne sich festlegen zu lassen.
In ihrer Werkgruppe „Skiing in the Mountains“ findet dieser Gedanke eine besonders dynamische Form. Die Serie verbindet Bewegung, Höhe und Freiheit mit Sauters zentralem Thema weiblicher Selbstbestimmung. Ihre Protagonistinnen tragen Skihelme und großformatige Goggles, die teilweise einen erheblichen Teil des Gesichts verdecken. Gerade dadurch gewinnen die sichtbaren Details an Gewicht: der Mund, die Haltung des Kopfes, ein nach oben gerichteter Blick. Die Skibrille wird zugleich zu einer farbigen Fläche im Bild – Spiegel, Schutzschild und grafisches Zentrum.
In Werken wie „Skiing Fashion“, „Skiing in the Blue“, „Skiing Red“ und „Skiing Pink“ treffen kräftige Farbfelder auf malerische Texturen und markante Konturen. Die Berge selbst müssen dabei kaum erscheinen, um spürbar zu sein. Die Serie konzentriert sich vielmehr auf das Gefühl, das mit ihnen verbunden ist: Geschwindigkeit trifft auf Kontrolle, Energie auf Konzentration, sportliche Kraft auf Eleganz.
Gerade darin fügt sich die Ski-Serie organisch in Sauters Gesamtwerk ein. Bewegung wird hier zum Bild für Selbstbestimmung. Die Figuren wirken gesammelt, fokussiert und frei – als hätten sie die Dynamik der Abfahrt bereits in ihrer Haltung gespeichert. Sauter zeigt nicht bloß Frauen beim Sport, sondern Frauen in einem Moment konzentrierter Eigenständigkeit. Ihre Präsenz entsteht nicht trotz der verdeckenden Ausrüstung, sondern gerade durch sie.
Auch ihre aktuelle Auseinandersetzung mit moderner Weiblichkeit in der Schweiz führt diesen Gedanken weiter. Sauter beschäftigt sich mit Frauen in unterschiedlichen Berufen, Tätigkeiten und persönlichen Lebenswelten und rückt dabei ihre Stärke, Individualität und Schönheit bewusst in den Vordergrund. Ihr Interesse gilt weniger einem Idealbild als der Vielfalt weiblicher Identität – und den vielen Formen, in denen Präsenz sichtbar werden kann.
Claudia Sauters Kunst ist farbstark, ohne an der Oberfläche zu bleiben. Ihre Palette zieht den Blick an, doch das eigentliche Thema liegt tiefer: in der Frage, wie Persönlichkeit sichtbar wird. Ihre Porträts geben darauf keine allgemeingültige Antwort. Sie zeigen vielmehr, dass Präsenz dort beginnt, wo ein Mensch nicht nur gesehen wird, sondern sich selbst behauptet.
VITA
Claudia Sauter ist eine Schweizer Pop-Art-Künstlerin und lebt und arbeitet in Küsnacht bei Zürich. Ihre gestalterische Ausbildung begann an der Neuen Kunstschule Zürich, wo sie von 1994 bis 1997 Werbegestaltung studierte. Anschließend absolvierte sie von 1998 bis 2000 eine Ausbildung im Interior Design. Später vertiefte sie ihre Kenntnisse in den Bereichen Design, Kunst und Arts & Heritage Management.
Über viele Jahre war Sauter beruflich im Marketing- und Kommunikationsbereich internationaler Unternehmen tätig. Diese Erfahrung mit Branding, visueller Kommunikation und strategischer Gestaltung verbindet sie heute mit ihrer freien künstlerischen Praxis. Unter dem Namen Poptonicart entwickelt sie eine charakteristische, farbintensive Bildsprache an der Schnittstelle von Pop Art, Porträt und zeitgenössischer visueller Kultur.
Im Zentrum ihres Werks stehen Frauenporträts, die sich mit Identität, Präsenz, Bewegung und Selbstbestimmung auseinandersetzen. Dabei arbeitet Sauter vor allem mit Malerei sowie kombinierten Druck- und Mixed-Media-Verfahren und entwickelt ihre Themen in unterschiedlichen Serien kontinuierlich weiter.
INTERVIEW
Picasso sagte: „Du machst keine Kunst, du findest sie.“ Wo findest du deine Kunst? Ich finde meine Kunst vor allem in Menschen – in ihrer Ausstrahlung, in Blicken, in Momenten, die oft nicht ausgesprochen werden. Mich interessiert das Dazwischen: die Spannung zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Präsenz und Rückzug. Ich beobachte sehr viel und übersetze das, was ich wahrnehme, in Farbe und Form.
Von der Idee bis zur Verwirklichung: Wie gehst du an deine Arbeiten heran? Mein Alltag und mein Leben sind meine wichtigste Inspirationsquelle. Begegnungen, Beobachtungen, Stimmungen – oft sind es kleine Momente, die einen Impuls auslösen.Im Zentrum meiner Arbeiten stehen Frauen. Ich begegne ihnen überall – in meinem Umfeld, im öffentlichen Raum, in kurzen Momenten der Wahrnehmung. Diese Eindrücke greife ich auf und stelle sie bewusst in den Mittelpunkt meiner Bilder.Aus diesen Beobachtungen entsteht eine erste, oft sehr intuitive Idee. Im weiteren Prozess entwickelt sich das Werk Schritt für Schritt: Farben, Ausdruck und Komposition reagieren aufeinander und formen die endgültige Präsenz. Ich arbeite nicht strikt nach Plan, sondern lasse Raum für Entwicklung – mit einem klaren Gefühl dafür, welche Wirkung und Ausstrahlung das Bild am Ende haben soll.
Deine größte Leidenschaft abseits der Kunst? Mich interessieren Menschen, Systeme und Zusammenhänge. Diese Neugier prägt vieles – auch meine frühere Arbeit im strategischen Bereich. Ich mag es, Dinge zu verstehen und einzuordnen. Gleichzeitig spielen Design und Natur eine wichtige Rolle für mich. Design in seiner Klarheit und Ästhetik, Natur in ihrer Ruhe und Selbstverständlichkeit – beide sind für mich starke Gegenpole, die mich inspirieren und erden.
Wie kamst du zur Kunst? Die Kunst war immer ein Teil von mir, auch wenn sie lange nicht im Mittelpunkt stand. Ich habe zunächst eine klassische Karriere im Bereich Marketing und Kommunikation verfolgt, in der Kreativität zwar präsent war, aber in einem strukturierten Rahmen. Irgendwann wurde der Wunsch stärker, mich freier und persönlicher auszudrücken. Das Malen hat mir genau diese Möglichkeit gegeben – Themen wie Identität, Präsenz und Emotion direkt sichtbar zu machen. Was als Ergänzung begann, wurde mit der Zeit zu einem zentralen Teil meines Lebens und meiner Arbeit.
Mit welchem Künstler würdest du gerne Kaffee trinken – und worüber würdet ihr sprechen? Mit Jeff Koons. Mich fasziniert, wie er Kunst, Kommerz und Wahrnehmung miteinander verbindet und dabei eine so klare, starke visuelle Sprache entwickelt hat. Ich würde mit ihm darüber sprechen, wie er es schafft, Emotion, Oberfläche und Bedeutung in seinen Arbeiten auszubalancieren – und wie sich Kunst heute zwischen Ästhetik, Markt und gesellschaftlicher Relevanz positioniert.
Welche Menschen in deiner Umgebung beeinflussen dich? Mich inspirieren Menschen, die ihren eigenen Weg gehen und eine klare Haltung haben. Oft sind es nicht unbedingt öffentliche Persönlichkeiten, sondern Menschen aus meinem direkten Umfeld, die durch ihre Präsenz und Authentizität prägen. Eine besondere Rolle spielt dabei meine Familie. Sie ist für mich ein wichtiger Anker – und gleichzeitig eine Quelle von Inspiration, weil dort Nähe, Vertrauen und echte Persönlichkeiten zusammenkommen.
Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine. Wohin geht die Reise? Ich würde gerne in verschiedene Epochen reisen – weniger aus Nostalgie, sondern um zu verstehen, wie sich Wahrnehmung, Rollenbilder und Ästhetik verändert haben. Besonders spannend fände ich die Übergänge, in denen sich gesellschaftlich etwas neu formiert.
Woran arbeitest du zurzeit? Aktuell arbeite ich an neuen Porträtserien, die sich mit moderner Weiblichkeit und Identität beschäftigen. Als Schweizer Künstlerin beschäftigt mich dabei besonders das Thema Frauen in der Schweiz. Ich setze mich damit auseinander, Frauen in ihren unterschiedlichen Rollen sichtbar zu machen – in verschiedenen Berufen, Tätigkeiten oder auch in ihren persönlichen Leidenschaften. Dabei geht es mir nicht nur um Darstellung, sondern um Präsenz: ihre Stärke, ihre Individualität und ihre Schönheit bewusst in den Vordergrund zu stellen. Gleichzeitig entwickle ich Projekte, die Kunst stärker in unterschiedliche Kontexte bringen – etwa in Zusammenarbeit mit Marken oder im öffentlichen Raum.
Dein Lieblingsbuch? Ein Buch, das mich besonders beeindruckt hat, ist „Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft“von Rüdiger Safranski. Mich fasziniert darin nicht nur die Beziehung zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, sondern auch, wie zwei starke Persönlichkeiten sich gegenseitig inspirieren und weiterentwickeln. Dieses Zusammenspiel von Individualität, Austausch und geistiger Tiefe finde ich sehr spannend – es spiegelt auch Themen wider, die mich in meiner eigenen Arbeit beschäftigen: Identität, Wahrnehmung und die Kraft von Dialog.
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