Andrés Galeano ordnet den Himmel neu – und mit ihm die Erinnerung. Seit über 15 Jahren sammelt der Künstler alte Fotoalben, meist aus aufgelösten Nachlässen, die er auf Flohmärkten entdeckt. Aus privaten Bildarchiven herausgelöst, haben die Fotografien ihre ursprünglichen Zusammenhänge verloren. Galeano bewahrt sie, ohne sie zu beschneiden oder zu verändern, und fügt sie nach geometrischen Prinzipien zu neuen Kompositionen zusammen.
In dieser Serie richtet sich sein Blick konsequent nach oben. Schmale Himmelsausschnitte reihen sich zu vertikalen Bahnen, Wolkenformationen treffen auf fremde Horizonte, unterschiedliche Blautöne und Lichtstimmungen schließen unmittelbar aneinander an. Was ursprünglich zu verschiedenen Orten, Zeiten und Biografien gehörte, wird zu einem großen, vielstimmigen Himmel. Die strenge Ordnung des Rasters hält dabei zusammen, was in Wirklichkeit nie zusammengehört hat.
Gerade in diesem Widerspruch liegt die Spannung der Arbeiten: Das Fragmentarische fügt sich zu einer Einheit, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Zwischen den einzelnen Fotografien bleiben Brüche sichtbar; Himmel setzt sich an Himmel fort und verändert dabei Farbe, Licht und Atmosphäre. Die Komposition wirkt zugleich präzise konstruiert und beinahe grenzenlos. In ihrer geometrischen Farbrhythmik lässt sie an Paul Klees „Hauptweg und Nebenwege“ denken – und an seinen Gedanken, Kunst gebe nicht das Sichtbare wieder, sondern mache sichtbar. Auch Galeano erfindet kein neues Motiv. Er verändert die Ordnung des Vorhandenen und damit unseren Blick darauf.
Der Himmel wird dabei mehr als Bildgegenstand. Als Urmetapher der Transzendenz verbindet er die vielen anonym gewordenen Fotografien zu einer gemeinsamen Bewegung: Alles scheint nach oben zu streben. Zugleich bleibt jedes einzelne Bild ein materielles Relikt – ein analoger Abzug, der einmal Teil einer persönlichen Erinnerung war und dies in digitalen Bilderwelten unserer Zeit. Galeanos Arbeiten bewegen sich so zwischen Bewahren und Loslassen, Erinnerung und Vergessen. Sie fragen danach, was von Geschichten bleibt, wenn ihre Erzähler verschwunden sind, und welche Rolle Bilder übernehmen können, wenn sie ihren ursprünglichen Kontext verlieren.
Dass Galeano zunächst Philosophie in Barcelona studierte, bevor er sich in Stuttgart der Fotografie und an der Kunsthochschule Berlin Weißensee der Freien Kunst widmete, erscheint vor diesem Hintergrund beinahe folgerichtig. Seit rund 20 Jahren arbeitet er zwischen Fotografie, Zeichnung, Video, Installation und Performance; heute lebt und arbeitet er in Berlin und Barcelona.
Aus vielen privaten Himmeln und Unknown Photographers formt Galeano keinen neuen – er macht sichtbar, was sie längst miteinander verbindet. Er erfindet, indem er findet – und erinnert uns daran, den Blick zu heben.
1. Picasso sagte einst: „Du machst keine Kunst, du findest sie.“ Wo findest du deine Kunst?Auf dem Flohmarkt. Ich arbeite mit Fotos aus zweiter Hand. Ich adoptiere sie und gebe ihnen ein neues Leben in meinem Atelier.
2. Von der Idee bis zur Verwirklichung: Wie gehst du an deine Arbeiten heran?
Die Prozesse sind sehr intuitiv und unterscheiden sich von Projekt zu Projekt. Normalerweise beginnen sie mit Begegnungen mit Bildern oder einer Case Study, die mich fasziniert. Am Anfang steht die Faszination, dann folgen das Sammeln und Verbinden von Material und Ideen, die Besessenheit mit dem Thema, die theoretische Recherche, das formale Experimentieren, das Sprechen mit Freunden und Experten darüber, das Schreiben darüber, das Hinterfragen der Ergebnisse, die Bewerbung für Stipendien, Residenzen oder Ausstellungen, die Produktion im Atelier und schließlich das Ausstellen und Veröffentlichen des Projekts.
3. Dein Lieblingsbuch?
Ich denke nicht in solchen Kategorien. Das ist meine Bibliothek!
4. Mit welchem Künstler würdest du gerne Kaffee trinken und worüber würdet ihr sprechen?
Gerne würde ich mit Erik Kessels über vernakuläre Fotografie, Fotobücher und Humor sprechen.
5. Wie kamst du zur Kunst?
Der Weg ist zwar komplex, aber hier ist eine kurze Wegbeschreibung: Ich habe zunächst Philosophie in Barcelona studiert. Während meines Studiums habe ich mich mit Autoren wie Walter Benjamin befasst, deren ästhetische Ideen mich stark geprägt haben. Literatur und Film waren damals ebenfalls sehr wichtig für mich, ebenso wie die analoge Fotografie, die ich mir ursprünglich selbst beigebracht habe. Nach meinem Philosophieabschluss bin ich nach Deutschland gezogen, um Deutsch zu lernen. Tatsächlich bin ich dadurch visueller geworden. Anschließend habe ich an einer freien Fotoschule in Stuttgart Fotokunst systematisch gelernt. Doch die Fotografie allein genügte mir nie, weshalb ich anschließend Freie Kunst an der Accademia delle Belle Arti in Bologna und an der Kunsthochschule Weissensee in Berlin studiert habe.
6. Welche Menschen in deiner Umgebung beeinflussen dich?
Kinder machen mich zu einem besseren Menschen. Das innere Kind muss immer wach, neugierig und lebendig bleiben! Den Austausch mit anderen Künstler:innen schätze ich auch sehr, denn er beeinflusst die eigene Praxis und den Lebensstil. Da sind wir auf einer Wellenlänge und teilen eine Sensibilität, Werte, Visionen und Begeisterung.
7. Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine. Wohin geht die Reise?
Ins Jahr 2222.
8. Deine größte Leidenschaft abseits der Kunst?
Ich würde „Fotografie sammeln“ antworten, aber das ist doch mit meiner Kunst verknüpft … Das Kunstunterrichten mache ich ebenfalls leidenschaftlich, aber auch das hat wiederum mit der Kunst zu tun … Lass uns sagen: Reisen!
9. Woran arbeitest du zurzeit?
Zurzeit entwickle ich ein Projekt mit dem Titel „Natürliche Farben“ über das deutsche Fotografie-Unternehmen Agfa und die Anfänge sowie die Popularisierung der Farbfotografie und deren Einfluss auf unsere fotografische Wahrnehmung. Gerade entwerfe ich ein Fotobuch dazu, das auf dem Archiv Casa Planas auf Mallorca basiert und mit Unterstützung des Goethe-Instituts entsteht. Hoffentlich kann ich das umfangreiche Projekt nach vier Jahren Recherche auch bald ausstellen.